Saarbrücker Zeitung, 7.4.2008
Ein Wiedersehen mit Loriots unerschöpflichem Werk
Premiere: „Die Ente bleibt draußen!“– Dramatische Werke 2. Teil: aufgeführt vom Dudweiler Statt-Theater im Bürgerhaus
Die Übungen in der „Jodelschule“, Deutsch für Ausländer aus dem Lotterbett und Nachhilfestunden im Skatspiel – ein Albtraum für echte Zocker. Im Dudweiler Statt-Theater gab es Loriot zum Lachen und Schreien.
Dudweiler. Endlich! Viele haben schon sehnsüchtig auf den zweiten Teil der „Dramatischen Werke“ von Loriot gewartet. Nach „Danke, das war's“ (Premiere im Mai 2005) war es am Freitagabend so weit. Das Dudweiler Statt-Theater sorgte im ausverkauften Bürgerhaus für amüsante Stunden und für ein Wiedersehen mit beliebten Sketchen aus Loriots unerschöpflichem Werk, unter anderem mit dem sprechenden Hund und mit den badenden Männchen mit der Knollennase. Aber die alle natürlich nicht als Comic-Figuren, sondern mit Haut und Haar. Sogar mit viel Haut! Achim Schmidt und Adrian Gassen trauen sich was und hocken ganz originalgetreu als „Klöbner“ und „Müller-Lüdenscheid“ in der Hotelbadewanne. Um ihrem Disput den rechten Nachdruck zu verleihen „Mit Ihnen teilt meine Ente das Wasser nicht!“, stehen sie dann auch auf, und das Publikum kann sich angesichts der jetzt zu sehenden nackten Tatsachen kaum mehr beruhigen. Mit großer Spielfreude landen die Mimen einen Treffer nach dem anderen. Ob im Bett, im Restaurant, beim Hosenkauf oder im Konzert - überall lauern Pleiten, Pech und Pannen. Dieter Meier verheddert sich beim Übersteigen der Stuhllehne im Schritt, ebenfalls ein Glanzpunkt dieser Inszenierung. Zum Schreien komisch ist auch die Szene beim Anzugkauf: Ein Vergnügen sind Sonja Schulers trockene Kommentare: Der Gatte ist „etwas voll in den Hüften“. Später wird er auf Anraten des Verkäufers (Björn Hary) den Laden in der Hocke schreitend verlassen, schließlich muss das „reichliche Beinkleid“ noch eingetragen werden. Die gut gelaunte muntere Truppe läßt uns teilhaben an den Übungen in der „Jodelschule“ und man erfährt auch, warum Frauen grundsätzlich am Kern einer Sache vorbei diskutieren. Es gibt Deutsch für Ausländer aus dem Lotterbett und Nachhilfestunden im Skatspiel – ein Albtraum für echte Zocker. Eine prima Figur machen auch die „Neuen“ im Ensemble: Bea Börnert, Kirsten Speicher, Roland Götz und Lieven Litaer. „Die Ente bleibt draußen“ dürfte wie der erste Teil von Loriots Dramatischen Werken wieder ein Renner werden. kjs
Loriots
Dramatische Werke (erster Teil)
Zum Abschied aus der Spielstätte "Am Brennenden Berg" entschieden wir uns für den Titel
Danke, ...das war's!
Damals passend, aber aufgrund des Erfolges nicht mehr ganz zutreffend.
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Saarbrücker Zeitung, 18.11.2005
Röcheln vor Freude
von SZ-Mitarbeiterin Kerstin Krämer
Loriots "Dramatische Werke" setzte das Dudweiler Statt-Theater zum Abschied von seiner traditionellen Bühne gewohnt gekonnt in Szene. Das Ensemble wechselt ins Scala.
Dudweiler. Dürfen Riesenschnauzer in die Oper? Ist es möglich, Kosakenzipfel zu halbieren? Sind ausländische Campingplätze weniger gepflegt als deutsche? Und wer vermündelt eigentlich die unsicheren Kleinsparer? Die Antworten, in der richtigen Reihenfolge: Nein, selbst wenn sie noch so süß sind - nein - alles eine Frage der Etikette - kein Mensch weiß es. "Ach was?" "Doch, doch!", so ist es. Genau analysiert hat diese existenziellen Probleme der Menschheit Loriot alias Vicco von Bülow, der anhand von Missgeschicken oder kleinen Schwächen die immanente Komik des Alltags zur entlarvenden Groteske verzerrt.
Steht alles geschrieben in seinen "Dramatischen Werken", kurzen Sketchen, die eben wegen ihrer knackigen Dauer angenehmer zu konsumieren sind als Bühnenwerke älteren Entstehungsdatums, weil sie, so die Erläuterung des Autors, dem biologischen Rhythmus von Menschen und weißen Mäusen perfekt angepasst sind. Wer kennt sie nicht, diese kleinen Dramen des Alltags, entweder in Cartoon-Form mit den liebenswerten Knollennasen-Männchen, die sich weigern, fremde Enten in ihrer Badewanne zu Wasser zu lassen. Oder aus der filmischen Realisierung mit dem Meister selbst und der unnachahmlichen Evelyn Hamann als Partnerin.
Diese Bilder also hat man im Kopf. Und dagegen auf der Bühne anzuspielen beweist Mut. Das Dudweiler Statt-Theater hat es gewagt - und gewonnen. Auch dass man den Inhalt meist schon auswendig kann, tut dem Amüsement keinen Abbruch, dann röchelt man halt aus Vorfreude. Und am Ende dieser rund dreistündigen letzten Produktion, mit der sich das Ensemble von seiner Spielstätte am Brennenden Berg verabschiedet (wir berichteten), ging ein asthmatisches Pfeifen durchs Publikum, das sich die Bronchien wund gelacht und das Make- up komplett dem Taschentuch anvertraut hatte. Rappelvoll war's am Freitag, als das mit teils glänzenden Leistungen aufwartende Ensemble sich in spießige Klamotten und Perücken warf, aber schnödem Kopieren abschwor. Und den Vorhang noch einmal aufgehen ließ: Für Herrn und Frau Hoppenstedt (Dieter Meier, Sonja Schuler) und das Ehepaar Pröhl, deren Campingfreundschaft am Zerteilen besagten Zipfelchens zerbricht. Für den Lottogewinner Erwin Lindemann (Robert Hartmann), für übergeschnappte Politessen (Rita Spies), für Klaviere aus Amerika bejubelnde Enkel (Silvana Berwanger, Rita Malcharek), für hopsende Bettenkäufer (Gerd Ahrends, Achim Schmidt), für Direktor Meltzer, der sich mit Sekretärin Renate an der Liebe im Büro versucht. Und für Vertreter Blühmel, der die Hausfrau zum geselligen Weinpröbchen nötigt, während Kollege Jürgens (Björn Hary) den Staubsauger anwirft - ein absoluter Höhepunkt, für den das Produkt einer renommierten Firma tatsächlich zum tadellos in zwei Richtungen funktionierenden Saugblaser Heinzelmann umgebaut wurde.
Köstlich. "Danke, das war's." Und auf Wiedersehen in der Scala.
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Saarbrücker Zeitung, 9.5.2005
Irrwitzige Alice in Bestform
Ein schrilles Theaterstück hatte am Wochenende in Dudweiler Premiere: Alice im Wunderland, frei nach Lewis Carroll. Das Statt-Theater entführte das Publikum gekonnt in eine alptraumhafte Welt mit schaurigen Gestalten.
von SZ-Mitarbeiterin Ruth Rousselange
Dudweiler. Arme kleine Alice. Da liegt sie, ganz in Weiß, in einer weißen Plastikplanenwelt. Dazu läuft schrilles Vogelgezwitscher vom Band, psychedelische Musik. Alice taumelt uns entgegen, ihr Kleid blutbeschmiert, ungesunde rote Schatten unter den Augen. "Alles ist verkehrt" stottert sie und reißt uns mit in eine alptraumhafte, grünlich leuchtende Welt, bevölkert mit schaurig-schrulligen Gestalten.
Im ausverkauften Dudweiler Statt-Theater hatte "Alice im Wunderland", frei nach Lewis Carroll, am Wochenende Premiere - eine Version für Erwachsene, vollgestopft mit komischen und düsteren Momenten. Irgendwie sehen diese morbiden Wesen alle krank aus, die Alice, super gespielt von Linda Walgenbach, beleidigen und beschimpfen. Mit Gesichtern geschminkt wie im Endstadium einer Drogensucht, machen sie sich an Alice heran und bringen die Reste ihrer Logik zum Einsturz. Andreas Blaesius als träge Opium rauchende Raupe, Susanne Kruse als boshafte Schwarze Königin und Sandra Klein als Herzogin und Herzkönigin mit Peitsche und dominanten Mordgelüsten: eine ausweglose Bedrohung? Doch Alice ist auch zum Brüllen komisch. Wenn Dieter Meier als Hutmacher und Jochen Sauer als Märzhase zur rotierenden Tee-Zeremonie auf Styroporklötzen die nicht vorhandenen Tassen heben, bricht auf der Bühne die Hölle los.
Regisseur Dimitrij Senatorow knüpft an Carrolls Motive, seinen auf den Kopf gestellten Regelwust und seine irrwitzigen Sprachspiele, an. Er hat sie in seiner Bearbeitung gekonnt im Carroll'schen Nonsens-Stil fortgeschrieben. Und so brüllen sich Hutmacher und Märzhase in Pelzjäckchen und schwarzer Gesichtsmaske im Sadomaso-Stil auf's Schönste sprachirrwitzig an. Das weiße Kaninchen bläst grell die Trompete zum "Kopf-ab"-Geschrei der Herzkönigin, und Dideldei (Uwe Andersen) und Dideldum (Michael Dengel) wollen der zunehmend in Panik geratenden Alice gewaltsam an die Wäsche. Nachdem Senatorow vor zwei Monaten aus beruflichen Gründen aus dem Stück ausscheiden musste, hat das Statt-Theater-Team die Regie gemeinsam ge-stemmt und eine beeindruckende "Alice"-Version jenseits der kindlich harmlosen Traumwelt auf die Beine gestellt. Von der originell aus Mülltüten und Plastiksäcken geschneiderten Kleidung, dem steril unheimlichen Bühnenbild bis zum Text mit Fingerspitzengefühl: alles gelungen und toll gespielt. Immer hinfälliger sieht Alice aus, Blut rinnt aus Nase und Ohr. Entspringen Hutmacher und Grinsekatze nur ihrem kranken Hirn? Hat die brutale Erwachsenenwelt diese nicht mehr kindliche Alice so ausgesaugt und wachsbleich werden lassen?
Viel könnte man hineindeuten in Alice, eine verwirrte Schwester Schneewittchens, die niemand mehr wachküssen wird. Dafür gab's tosenden Applaus.
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Saarbrücker Zeitung, 27.04.2004
Vergewaltigt zu den Klängen Schuberts
"Der Tod und das Mädchen" - Premiere im Dudweiler Statt-Theater
Wenn der Chilenische Arzt im Auftrag der Militärjunta Frauen vergewaltigt, tut er das zu den Klängen Schuberts. Zumindest in dem Stück "Der Tod und das Mädchen". Welche Folgen das haben kann, zeigt das Statt-Theater Dudweiler der Premiere von Dorfmans Werk.
Dudweiler. Dient es der Gerechtigkeit, wenn das Opfer den Spieß umdreht und mit den Mitteln des Täters arbeitet? Heiligt der Zweck jedes Mittel? Und was ist ein Geständnis wert, wenn es erpresst worden ist? Am Samstag hatte im Dudweiler Statt-Theater "Der Tod und das Mädchen" Premiere.
Sein an authentischen Hintergründen ausgerichtetes textintensives Stück hat der chilenische Autor Ariel Dorfman nach Schuberts berühmtem Streichquartett benannt, weil es eine Schlüsselrolle spielt: Diese Musik hat ein Arzt (Berthold Blaesius) stets aufgelegt, wenn er im Auftrag der Militärjunta seine meist weiblichen Gefangenen folterte und vergewaltigte. Unter den Opfern war auch Paulina Salas (Tanja Malcharek), die jetzt, 15 Jahre später, per Zufall unvermutet Gelegenheit hat, Selbstjustiz zu üben. Sehr zum Entsetzen ihres Mannes Gerardo (Adrian Gassen), denn der ist Jurist und Mitglied einer Kommission, die Menschenrechts-Verletzungen unter der Pinochet-Diktatur aufklären soll. Außerdem scheint die Beweislage so dürftig, dass er nicht weiß, ob er seiner Frau überhaupt glauben kann.
Musik des Sadisten
Es entspinnt sich ein emotionsgeladenes Katz- und Mausspiel mit körperlicher Gewalt, drastischen Wortwechseln und aufreibenden Zweier-Konstellationen, bei dem Paulina Anklägerin und Richterin zugleich ist, Gerardo sich in die widersprüchliche Doppel-Rolle des Advokaten und Staatsanwalts zugleich gepresst sieht und der Zuschauer auf der Schöffenbank Platz nimmt.
Unter der sensiblen Regie Volker Meyers finden die drei Darsteller zu differenziertem Spiel. Viel Applaus gab's für den plausibel agierenden Adrian Gassen, wie er sich in ohnmächtiger Hilflosigkeit um Gerechtigkeit bemüht und versucht, seine Emotionen unter Kontrolle zu halten. Keinen leichten Job hat auch Berthold Blaesius, der die Integrität des alles leugnenden Robertos in einem fragwürdigen Licht erscheinen lassen muss - was ihm, von sprachlichen Schwächen abgesehen, auch gelingt.
Nuancierte Verletzlichkeit
Und Tanja Malcharek schließlich macht die psychische Ausnahmesituation Paulinas nuanciert erfahrbar: Sie ist eine verletzte Frau, die hier ganz unhysterisch alle ihr zugefügten Erniedrigungen heimzahlt. Ob ihr vermeintlicher Peiniger tatsächlich schuldig ist, bleibt offen - das ist vielleicht auch besser so. Denn auch die "reine Wahrheit" kann töten. kek
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Saarbrücker Zeitung, 22.04.02
Gabeln, Gummihühner und Pistolen
Dem Dudweiler Statt-Theater glückt mit seinem "Fliegenden Zirkus" eine rabenschwarze Revue besten britischen Unfugs
Dudweiler. Die Wimpern-Tusche, die diesem brachialen Angriff auf die Kicher-Tränen standhält, muss erst noch erfunden werden. Eigentlich könnte man vom Dudweiler Statt-Theater verlangen, dass es einen Visagisten bereitstellt, um die zerlachten Gesichter nach der Vorstellung wieder in Fasson zu bringen. Anlass der ästhetischen Sabotage? "Statt-Theater's Fliegender Zirkus", frei nach Monty Python. Premiere war am Freitag. Der neueste Coup der Truppe mit fester Spielstätte am Brennenden Berg hält, was der Vorgeschmack darauf im Vorprogramm zu "Comedy im Herbst" letzten Jahres verhieß: Diese Revue rabenschwarzen britischen Unfugs wird sich garantiert zum Dauerbrenner entwickeln. Der fliegende Zirkus nach Art des Hauses entpuppt sich als nahtlos verknüpfter Reigen des Nonsens, mit schwungvollen Übergängen von einem haarsträubenden Sketch zum nächsten, gespickt mit Wortspielen, Verwechslungen und unerwarteten Wendungen.
Die Witze-Polizei, Sonderkommission Überfallkommando der leichten Unterhaltung, ist im Dauereinsatz und verteilt Knöllchen wegen permanenter Verstöße gegen das "Sketche ohne anständige Pointe beenden"- und das "Nicht vor den Kindern!"-Gesetz. Freunde eines Humors feinsinniger Prägung seien allerdings gewarnt: Was die fünf Jungs, ein Mädel und eine Ziege (samt "Geißenpeter" Dieter Ewerling) hier in memoriam der Heiterkeits-Anarchos von Monty Python anrichten, ist nichts für zart Besaitete. Berthold Blaesius an der Mäuse-Orgel etwa, der seinen flauschigen Klangkörpern mit dem Hammer zu Leibe rückt, ist ein Fall für den Tierschutz, und auch sonst geht's robust zu. So mancher Konflikt wird blutrünstig gelöst - Gabeln, Gummihühner und Pistolen tun da wohlfeile Dienste, um unerwünschte Nebenbuhler auszuschalten. Oder um unwillige Rekruten zu disziplinieren, die im "Selbstverteidigungs-Kurs gegen frisches Obst" unter Feldwebel Volker Meyer keinen beerenstarken Einsatz zeigen. Etliche Klischees werden erst gepflegt und dann gegen den Strich gebürstet: Die schöne Krankenschwester-Nonne (Ina Deckert) hat es faustdick hinter der Keule, der raue Holzfäller trägt Tuntenfummel unterm Karohemd...
Ein glänzend aufgelegtes Ensemble, dem Regisseurin Sandra Klein in der Pause noch mal ordentlich Dampf gemacht zu haben scheint, gibt hier alles. Und erntet reichlich Szenenapplaus, vor allem der überragende Dieter Meier, der das Premieren-Publikum mit jedem grandiosen Auftritt zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Glänzend auch Markus Bramer und Gerhard Wagner, die beide in unterschiedlichsten Rollen enorme Wandlungsfähigkeit demonstrieren. Zum Abschluss gibt's ein als wissenschaftlichen Vortrag über Slapstick getarntes, schamloses Zugeständnis an die Schadenfreude: Törtchen landen auf Wangen und anderen edlen Körperteilen. Riesenapplaus. Kerstin Krämer
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... hier folgen bald die übrigen Kritiken...
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