Saarbrücker Zeitung, 11.1.2011

St. Pauli liegt in Dudweiler

,,Heiße Ecke”: Das Statt-Theater wagte sich an ein Kult-Musical – mit Erfolg

Bis zu fünf verschiedene Rollen stemmten die Akteure des DudweilerStatt-Theaters in ihrerneuesten Produktion. Das Musical „Heiße Ecke“, Kassenschlagerdes Hamburger „Tivoli“-Theaters, wurde auch in Dudweiler bei der Premiere begeistert gefeiert

Von SZ-Mitarbeiterin Kerstin Joost-Schäfer


Glänzende Ensemble-Leistung: Das Dudweiler Statt-Theater spielt „Heiße Ecke“ im Bürgerhaus.
Foto: Iris Maurer

Dudweiler. Im Hamburger „Tivoli“ ist die Musiktheater-Produktion „Heiße Ecke“ ein Kassenschlager: Seit der Uraufführung im September 2003 begeisterte das Musical über eine halbe Million Zuschauer. Kein Wunder, denn im Zeitraffer bietet das Musical so ziemlich alles, was das pure Leben in St. Pauli ausmacht: von ganz großen Gefühlen bis zu tragischen Schicksalen, gewürzt mit frechen und meist nicht jugendfreien Dialogen. Der Imbiss „Heiße Ecke“ ist Treffpunkt für die Jungs, die einen draufmachen möchten, für Liebespaare, Hehler und Huren.

Er ist der Umschlagplatz für Gerüchte und Neuigkeiten, hier werden Schicksale entschieden – und die Currywurst gibt's für zweifuffzig obendrauf.

Nun hat sich das Dudweiler Statt-Theater an den Stoff herangewagt – ein mutiges Unterfangen, wenn man bedenkt, dass einige Songs aus „Heiße Ecke“ schon Kultstatus haben und die Geschichten rund um die Imbissbude in Hamburgs Lasterviertel St. Pauli auch schauspielerisch mit großen Vorbildern aufwartet. Ein Wagnis also, das durchaus ein mögliches Scheitern in sich trug.

Dass dies nicht der Fall war, ist wieder einmal der mitreißenden Spielfreude des Ensembles des Dudweiler Statt-Theaters geschuldet und dem großartigen Einsatz auf und hinter der Bühne. Die 16 Schauspieler schlüpfen alle in ganz unterschiedliche Rollen – allein das ist schon eine Leistung, vor der man den Hut ziehen muss. Achim Schmidt beispielsweise gibt den tumben Ehemann, den Hehler Henning, den Taxifahrer Klaus, den Imbiss-Chef Schorsch und schließlich den alten Otto Straube, der zusammen mit seiner Gattin Hilde (großartig: Rita Malcharek) süßen Erinnerungen nachhängt. Alle schauspielerischen Leistungen zu würdigen, würde den Rahmen sprengen, denn die jungen wie die alten Hasen des Statt-Theaters – allen voran Dieter Meier – bewiesen sich als Schauspieler, Sänger und Tänzer. Scharf wie der Curry auf den Würsten waren die Dialoge, und mancher Auftritt, wie der von Petra Crauser-Sauer im Dirndl und Sepplhut, war schon allein der Optik wegen ein Superkracher. Ein mitreißender Abend, den das Publikum im ausverkauften Bürgerhaus mit Standing Ovations quittierte.

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Saarbrücker Zeitung, 4.1.2011

Fröhliche Liebeserklärung an das Leben

Unterhaltsames aus dem Reeperbahn-Milieu kommt im neuen Stück des Statt-Theaters auf die Bühne

Mit dem St. Pauli-Musical „Heiße Ecke“ aus dem Hamburger Tivoli wagt sich das traditionsreiche Dudweiler Statt-Theater mal wieder an ein Musiktheaterstück.
Die 16 Darsteller müssen 50 Rollen spielen.

Von SZ-Mitarbeiterin Kerstin Krämer

Foto: Iris Maurer

Dudweiler. Wie, bin ich schon dran? Man könnte leicht den Eindruck haben, dass Regisseur Dieter Meier und seine Frau Birgit, die sich um die Choreografiekümmert, einen Sack Flöhehüten: 16 Darsteller, davon allein sechs Neuzugänge, wuselnumher, kleiden sich alleNaslang um und wollen durchmehr als 50 Rollen geleitet werden. Weil wieder nicht alle Darstellerzur Probe kommenkonnten, muss Meier obendrein
neben seinen eigenen aushilfsweise andere Charaktereverkörpern. Inmitten diesesfröhlichen Chaos’ purzeln auch noch Kind und Hund – wennder Vierbeiner pariert, darf er sogar mitspielen in der neuesten Produktion des DudweilerStatt-Theaters: Mit dem St.Pauli-Musical „Heiße Ecke“ ausdem Hamburger Tivoli wagt sich das Dudweiler Amateur-Ensemble mal wieder an einMusiktheaterstück.

„Leinen los und Lampen an!“ lautet die frechfeuchtfröhlicheLiebeserklärung an das Leben,die hier 24 Stunden St. Pauli im Zeitraffer Revue passierenlässt. Die „Heiße Ecke“ ist eineWurstbude mitten auf dem Kiez und Ankerplatz für die unterschiedlichstenTypen. Da wärendie verzankten Eheleute, diesich hier vor Jahren kennen gelernt haben. Ihr Sohn, der sich,statt für seine Klausur zu lernen,lieber auf der Reeperbahn tummelt und dabei verliebt. DieKleine, die auf ihren Freundwartet und dabei ständig von
Freiern angequatscht wird. Die „Könige der Nacht“, drei alkoholisierteJungs aus Pinneberg,mit dem dringenden Wunsch, sich auf alle nur erdenklichenArten zu unterhalten. Der frustriertePolizeikommissar. Die kölsche Transe mit dem kriminellenLiebhaber. Die Braut inspe, die vor der Hochzeit gemeinsammit ihren Freundinnen noch mal so richtig über dieStränge schlagen will. Der siegessichereSpieler, der immer
verliert. Die Bordsteinschwalben von der Animiermeile, nieum einen kessen Spruch verlegen.
Und natürlich das Personal der Wurstbraterei – Seelentröstermit Herz und Schnauze, dieselber ein paar Streicheleinheiten nötig hätten.

Mit über 1800 Vorstellungen im „Schmidts Tivoli“ genießtdie „Heiße Ecke“ Kultstatusund ist neben „Mamma Mia“ das erfolgreichste MusicalHamburgs. Das Statt-Theaterverzichtet diesmal auf einehauseigene Band und tanzt und singt zur Originalmusik des Tivoli-Orchesters. Aufgeführt wird im Bürgerhaus Dudweiler;eine eigene Spielstätte sei nach den geplatzten Plänen mit derDudweiler Scala leider immernoch nicht in Sicht, erläutert Meier. Momentan hat das Ensembledas Clubheim des DudweilerCarneval Clubs gemietet.
Das ist jedoch eiskalt, leider funktioniert die Heizung nicht richtig. Es gehört bewundernswerter Enthusiasmus dazu, unter solchen Bedingungen zuproben – hoffentlich sind biszur Premiere nicht alle erkältet.

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Saarbrücker Zeitung, 20.10.2010


Ein Hauch von St. Pauli weht durch Dudweiler

Bei der siebten Fastnachts-Gala zu Gunsten der SZ-Aktion „Hilf-Mit!“ ist das Statt-Theater erstmals dabei. Das Dudweiler Statt-Theater gibt seinen Einstand bei der Fastnachts-Gala. „Wir bringen Probierhäppchen von der Heißen Ecke, dem St. Pauli-Musical, das am 8. Januar 2011 im Bürgerhaus Premiere feiert“, verrät Regisseur Dieter Meier.

Dudweiler. Im großen Rund des Dudweiler Bürgerhauses steigt am Freitag, 5. Nov., die siebte Fastnachts-Gala zu Gunsten der SZ-Aktion „Hilf-Mit!“. Wieder das lautet das Motto: „Das Beste aus den sechs Dudweiler Karnevalsvereinen, garniert mit einigen Stars.“ In diesem Jahr sind das Christof Scheid, die drei Showtenöre, Jääb und Jolanda Jochnachel, die beiden Travestiekünstler Patricia Praliné und Chantal Chantré sowie Akteure des Dudweiler Statt-Theaters. Die musikalische Umrahmung übernimmt der Musikzug 1968 Dudweiler unter Leitung von Karl-Heinz Brückner.

Veranstalter des Spektakels ist der Festausschuss Dudweiler Faasenacht. Der FDF ist der organisatorische Zusammenschluss der sechs Dudweiler Karnevalsvereine mit dem Verkehrsverein und der Bezirksverwaltung. Sprecher des Ausschusses und Moderator der Gala ist Thomas Rink. Der Chef der KG Pfaffenkopf sagt: „Weit über 500 aktive Karnevalisten sind im Festausschuss vertreten. Gemeinsam sind wir eine überragende, großartige Truppe der saarländischen Fastnacht.“

Bei der Gala zum ersten Mal dabei sind Akteure des Dudweiler Statt-Theaters. „Wir bringen Probier-häppchen von der Heißen Ecke, dem St. Pauli-Musical vom Hamburger Tivoli, das am 8. Januar 2011 im Bürgerhaus Premiere feiert“, verrät Regisseur Dieter Meier. Im Imbiss „Heiße Ecke“ auf St. Pauli treffen Lebenskünstler auf Versager und ganz normale Menschen auf ihr Schicksal. Hier fallen sich die Menschen vom Kiez in den Rücken – oder in die Arme. Zwölf Darsteller in über 50 Rollen lassen das Leben toben und bringen großartige Songs mit Ohrwurm-Qualität.

Das Statt-Theater spielt, singt und tanzt zur Originalmusik aus dem Tivoli in Hamburg. „Ein Musical, prall wie der Kiez und eine wunderbare Liebeserklärung an St. Pauli und das Leben“, sagt Meier. Das Statt-Theater spielt seit 22 Jahren Amateurtheater mit Anspruch und verwandelt Stücke mit Leidenschaft und Können in Unterhaltung mit Tiefgang. Bei der „Heißen Ecke“ singen die Akteure selbst, bringen die schmissigen und ohrwurmverdächtigen Songs mit vielen Bekannten der Stammbesetzung, drei sind von Anfang an dabei, und vielen jungen Gesichtern auf die Bühne. Die Akteure heißen Gerd Ahrends, Bea Börnert, Petra Crauser-Sauer, Marie Harz, Christian Marc Klein, Katrin Köppen, Jan Kutscher, Annalena Löw, Rita Malcharek, Tanja Malcharek, Dieter Meier, Felix Riedel, Lena Sauer, Achim Schmidt, Sonja Schuler und Kirsten Speicher. Souffleuse ist Petra Jacob, die Choreographie übernimmt Birgit Meier. Für die Technik sind Marcel und Martin Schmitz zuständig. Das Bühnenbild machen Oliver Fritsch und Regisseur Dieter Meier. Um Aufbau und Transport kümmert sich Robert Hartmann.

Die siebte Fastnachts-Gala zu Gunsten der SZ-Aktion „Hilf-Mit!“ beginnt am Freitag, 5. November, um 20.11 Uhr im Bürgerhaus Dudweiler, Einlass ab 19 Uhr. Die bisherigen sechs Auflagen brachten einen Erlös von 21 300 Euro für „Hilf-Mit!“. Karten für die Gala gibt es im Vorverkauf für elf Euro bei Papier Meiser in der Dudweiler Fußgängerzone.


Bildunterschrift
Akteure des Dudweiler Statt-Theaters servieren bei der Fastnachts-Gala Probierhäppchen aus dem St.-Pauli-Musical „Heiße Ecke“, das im
Hamburger Tivoli-Theater schon viele begeisterte. Fotos: Meier

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Saarbrücker Zeitung, 23.11.2009


„Ich hätt so gern 'nen neuen Alten“

Premiere beim Dudweiler Statt-Theater: Ein Abend mit Witwen, meist heiter und lustig
„Witwendramen“ heißt das neue Programm des Dudweiler Statt-Theaters. Die Premiere im Bürgerhaus zeigte: Das Theater braucht dringend wieder ein eigenes Domizil.


Von SZ-Mitarbeiterin Kerstin Krämer

Dudweiler. „Ich brauch kein' Mann, ich brauch 'ne Gehhilfe!“ grantelt die eine. Während andere im Chor sehnsüchteln: „Ich hätt so gern 'nen neuen Alten!“ Witwen beim Arzt, Notar, im Imbiss, Fitness-Center oder allein zuhaus. Es geht ums Überleben. Getrauert wird unterschiedlich. Altersunabhängig. Die eine ist froh, dass sie endlich weiß, wo ihr Kerl steckt, unter der Erde nämlich; die andere tritt den „Aktiven Witwen e.V.“ bei oder verzehrt sich nach dem jungen Nachbarn, obwohl der, pfui bah, im Stehen pinkelt. Dann gibt s da noch die schwarzlederne Bikerbraut, die sich Mut ansäuft, um ihrem verblichenen Alten am Grab mal endlich so richtig die Meinung zu geigen. Was wäre Trauerarbeit ohne alkoholische Trösterchen und die beste Freundin?

„Witwendramen“ heißt die 34. Produktion des Dudweiler Statt-Theaters, die am Samstag im Bürgerhaus Dudweiler Premiere hatte. Vorlage ist eine zwischen Komödie und Tragödie schillernde Materialsammlung für fünf Darstellerinnen des Nürnberger Schriftstellers Fitzgerald Kusz („Schweig Bub“) mit Sketchen, Monologen, szenischen Miniaturen, Nachworten von Promi-Witwen oder Todesanzeigen – abrechnend, anrührend, komisch, traurig, zornig.

Aus dieser wenig pietätischen Fülle hat sich das Dudweiler Statt-Theater zu vieles, gemessen am oft schleppenden Tempo des langen Abends, heraus gepickt, diverse Songs integriert und eine reichlich Kostüm- und Perücken-freudige Revue daraus gestrickt. Unter der Regie von Sonja Schuler – deren Inszenierung man deutlich anmerkt, dass die Statt-Theatraliker in den letzten Jahren eifrig Loriot
aufgeführt haben – sind hier etwa etliche frech-frivole Lieder der „Missfits“ zu hören.

Prinzipiell eine schöne Idee, wenn nicht die bescheidene Akustik des wenig heimeligen Bürgerhauses und die Bühnen-Technik so manches Schnippchen geschlagen hätten: Einiges war nicht zu verstehen; auch sahen sich die gegen alle Widrigkeiten beherzt aufspielenden Bea Börnert, Petra Crauser, Marie Harz, Ilse Spies und Sonja Schuler nicht immer ins rechte Licht gerückt, fiel mancher Vorhang zu früh oder spät. Unbedingt braucht das Dudweiler Statt-Theater, das dieses Jahr seinen 20. Geburtstag feiert, wieder ein eigenes Zuhause. Und ein strafferes, führungsfreudigeres Regie-Händchen.


Viel Licht und manchmal Schatten: Die Akteurinnen des Dudweiler Statt-Theaters standen im Bürgerhaus öfter mal im Dunkeln, weil die Technik ihre Tücken zeigte.

Saarbrücker Zeitung  07.10.2009




„Ich mach uns Schnittchen!“

Dudweiler Statt-Theater feiert 20-jähriges Bestehen mit langer Loriot-Nacht

20 Jahre schon macht das Dudweiler Statt-Theater Amateurtheater mit professionellem Anspruch. Jetzt wird Geburtstag gefeiert. Letzte Gelegenheit, das beliebte Loriot-Programm zu sehen.

Dudweiler. Am 14. April 1989 traten theaterbegeisterte Amateure des Dudweiler Statt-Theaters erstmals auf die Bühne. Man spielte einen Krimi von Statt-Theater-Initiator Axel Herzog – zu diesem Zeitpunkt Stadtteilautor von Dudweiler – sowie Bert Brechts „Kaukasischen Kreidekreis“.

20 Jahre sind seither vergangen. Manche Schauspieler der ersten Stunden sind dem Statt-Theater bis heute treu geblieben, wie Rita Malcharek, Karin Schmidt, Robert Hartmann und Volker Meyer.

Ein Rückblick auf zwei Jahrzehnte Statt-Theater, eine lange Loriot-Nacht sowie „Schnittchen“ zur Stärkung erwarten Besucher der Jubiläumsfeier, zu der das Statt-Theater am Samstag, 10. Oktober, 19.30 Uhr, ins Bürgerhaus Dudweiler einlädt. „Das ist die letzte Gelegenheit, unser Loriot-Programm zu sehen“, sagt Dieter Meier, eines der Urgesteine des Dudweiler Statt-Theaters und „fast von Anfang an dabei“.

In der langen Loriot-Nacht spielen zwölf Darsteller 135 Rollen in 36 Sketchen, darunter Klassiker wie die „Herren im Bad“, „Der sprechende Hund“, „Die Nudel“ und der „Kosakenzipfel“. Zum Abschluss des Jubiläumsabends gibt das Statt-Theater einen Ausblick auf die bevorstehenden Premieren – „Witwendramen“ von Fitzgerald Kusz und „Heiße Ecke“, ein Hamburg-Musical aus Schmidts Tivoli.

Seit dem Auszug aus der eigenen Spielstätte im Jahr 2005 tritt das Statt-Theater auf verschiedenen Bühnen auf. „Mit mobilen Programmen haben wir aber auch vorher schon anderswo gespielt“, erzählt Dieter Meier. Für die rund 15 Amateurschauspieler, die derzeit im Statt-Theater aktiv sind und von 50 inaktiven Vereinsmitgliedern unterstützt werden, sei es wichtig, sich nun „ganz auf das Theaterspielen konzentrieren zu können“. Denn das Betreiben einer eigenen Spielstätte sei insbesondere für den Vorstand mit „starken Belastungen“ verbunden gewesen. Den Wunsch, eine dauerhafte Bleibe für das Statt-Theater zu finden, hat Dieter Meier indes nicht aufgegeben. Als Vorstandsmitglied des Vereins Scala bemüht er sich gemeinsam mit anderen darum, ein geeignetes Gebäude ausfindig zu machen. „Im Gespräch ist weiterhin die ehemalige Sinalco-Fabrik“, so Dieter Meier. Sie könnte – so die Idee – als multifunktionaler Veranstaltungsort nicht nur vom Statt-Theater, sondern auch von Vereinen oder für Familienfeiern genutzt werden. rae

„Ich mach uns ein paar Schnittchen!“ am Samstag, 10. Oktober, 19.30 Uhr, Dudweiler Bürgerhaus. Eintritt, inklusive Schnittchen, 17,50/15 Euro. Karten: Papier Meiser, Tel. (068 97) 97 23 46.

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Saarbrücker Zeitung, 7.4.2008

Ein Wiedersehen mit Loriots unerschöpflichem Werk

Premiere: „Die Ente bleibt draußen!“– Dramatische Werke 2. Teil: aufgeführt vom Dudweiler Statt-Theater im Bürgerhaus

Die Übungen in der „Jodelschule“, Deutsch für Ausländer aus dem Lotterbett und Nachhilfestunden im Skatspiel – ein Albtraum für echte Zocker. Im Dudweiler Statt-Theater gab es Loriot zum Lachen und Schreien.

Dudweiler. Endlich! Viele haben schon sehnsüchtig auf den zweiten Teil der „Dramatischen Werke“ von Loriot gewartet. Nach „Danke, das war's“ (Premiere im Mai 2005) war es am Freitagabend so weit. Das Dudweiler Statt-Theater sorgte im ausverkauften Bürgerhaus für amüsante Stunden und für ein Wiedersehen mit beliebten Sketchen aus Loriots unerschöpflichem Werk, unter anderem mit dem sprechenden Hund und mit den badenden Männchen mit der Knollennase. Aber die alle natürlich nicht als Comic-Figuren, sondern mit Haut und Haar. Sogar mit viel Haut! Achim Schmidt und Adrian Gassen trauen sich was und hocken ganz originalgetreu als „Klöbner“ und „Müller-Lüdenscheid“ in der Hotelbadewanne. Um ihrem Disput den rechten Nachdruck zu verleihen „Mit Ihnen teilt meine Ente das Wasser nicht!“, stehen sie dann auch auf, und das Publikum kann sich angesichts der jetzt zu sehenden nackten Tatsachen kaum mehr beruhigen. Mit großer Spielfreude landen die Mimen einen Treffer nach dem anderen. Ob im Bett, im Restaurant, beim Hosenkauf oder im Konzert - überall lauern Pleiten, Pech und Pannen. Dieter Meier verheddert sich beim Übersteigen der Stuhllehne im Schritt, ebenfalls ein Glanzpunkt dieser Inszenierung. Zum Schreien komisch ist auch die Szene beim Anzugkauf: Ein Vergnügen sind Sonja Schulers trockene Kommentare: Der Gatte ist „etwas voll in den Hüften“. Später wird er auf Anraten des Verkäufers (Björn Hary) den Laden in der Hocke schreitend verlassen, schließlich muss das „reichliche Beinkleid“ noch eingetragen werden. Die gut gelaunte muntere Truppe läßt uns teilhaben an den Übungen in der „Jodelschule“ und man erfährt auch, warum Frauen grundsätzlich am Kern einer Sache vorbei diskutieren. Es gibt Deutsch für Ausländer aus dem Lotterbett und Nachhilfestunden im Skatspiel – ein Albtraum für echte Zocker. Eine prima Figur machen auch die „Neuen“ im Ensemble: Bea Börnert, Kirsten Speicher, Roland Götz und Lieven Litaer. „Die Ente bleibt draußen“ dürfte wie der erste Teil von Loriots Dramatischen Werken wieder ein Renner werden. kjs


Loriots Dramatische Werke (erster Teil)

Zum Abschied aus der Spielstätte "Am Brennenden Berg" entschieden wir uns für den Titel

Danke, ...das war's!

Damals passend, aber aufgrund des Erfolges nicht mehr ganz zutreffend.
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Saarbrücker Zeitung, 18.11.2005

Röcheln vor Freude

von SZ-Mitarbeiterin Kerstin Krämer

Loriots "Dramatische Werke" setzte das Dudweiler Statt-Theater zum Abschied von seiner traditionellen Bühne gewohnt gekonnt in Szene. Das Ensemble wechselt ins Scala.


Dudweiler.
Dürfen Riesenschnauzer in die Oper? Ist es möglich, Kosakenzipfel zu halbieren? Sind ausländische Campingplätze weniger gepflegt als deutsche? Und wer vermündelt eigentlich die unsicheren Kleinsparer? Die Antworten, in der richtigen Reihenfolge: Nein, selbst wenn sie noch so süß sind - nein - alles eine Frage der Etikette - kein Mensch weiß es. "Ach was?" "Doch, doch!", so ist es. Genau analysiert hat diese existenziellen Probleme der Menschheit Loriot alias Vicco von Bülow, der anhand von Missgeschicken oder kleinen Schwächen die immanente Komik des Alltags zur entlarvenden Groteske verzerrt.

Steht alles geschrieben in seinen "Dramatischen Werken", kurzen Sketchen, die eben wegen ihrer knackigen Dauer angenehmer zu konsumieren sind als Bühnenwerke älteren Entstehungsdatums, weil sie, so die Erläuterung des Autors, dem biologischen Rhythmus von Menschen und weißen Mäusen perfekt angepasst sind. Wer kennt sie nicht, diese kleinen Dramen des Alltags, entweder in Cartoon-Form mit den liebenswerten Knollennasen-Männchen, die sich weigern, fremde Enten in ihrer Badewanne zu Wasser zu lassen. Oder aus der filmischen Realisierung mit dem Meister selbst und der unnachahmlichen Evelyn Hamann als Partnerin.

Diese Bilder also hat man im Kopf. Und dagegen auf der Bühne anzuspielen beweist Mut. Das Dudweiler Statt-Theater hat es gewagt - und gewonnen. Auch dass man den Inhalt meist schon auswendig kann, tut dem Amüsement keinen Abbruch, dann röchelt man halt aus Vorfreude. Und am Ende dieser rund dreistündigen letzten Produktion, mit der sich das Ensemble von seiner Spielstätte am Brennenden Berg verabschiedet (wir berichteten), ging ein asthmatisches Pfeifen durchs Publikum, das sich die Bronchien wund gelacht und das Make- up komplett dem Taschentuch anvertraut hatte. Rappelvoll war's am Freitag, als das mit teils glänzenden Leistungen aufwartende Ensemble sich in spießige Klamotten und Perücken warf, aber schnödem Kopieren abschwor. Und den Vorhang noch einmal aufgehen ließ: Für Herrn und Frau Hoppenstedt (Dieter Meier, Sonja Schuler) und das Ehepaar Pröhl, deren Campingfreundschaft am Zerteilen besagten Zipfelchens zerbricht. Für den Lottogewinner Erwin Lindemann (Robert Hartmann), für übergeschnappte Politessen (Rita Spies), für Klaviere aus Amerika bejubelnde Enkel (Silvana Berwanger, Rita Malcharek), für hopsende Bettenkäufer (Gerd Ahrends, Achim Schmidt), für Direktor Meltzer, der sich mit Sekretärin Renate an der Liebe im Büro versucht. Und für Vertreter Blühmel, der die Hausfrau zum geselligen Weinpröbchen nötigt, während Kollege Jürgens (Björn Hary) den Staubsauger anwirft - ein absoluter Höhepunkt, für den das Produkt einer renommierten Firma tatsächlich zum tadellos in zwei Richtungen funktionierenden Saugblaser Heinzelmann umgebaut wurde.

Köstlich. "Danke, das war's." Und auf Wiedersehen in der Scala.

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Saarbrücker Zeitung, 9.5.2005

Irrwitzige Alice in Bestform

Ein schrilles Theaterstück hatte am Wochenende in Dudweiler Premiere: Alice im Wunderland, frei nach Lewis Carroll. Das Statt-Theater entführte das Publikum gekonnt in eine alptraumhafte Welt mit schaurigen Gestalten.

von SZ-Mitarbeiterin Ruth Rousselange

Dudweiler. Arme kleine Alice. Da liegt sie, ganz in Weiß, in einer weißen Plastikplanenwelt. Dazu läuft schrilles Vogelgezwitscher vom Band, psychedelische Musik. Alice taumelt uns entgegen, ihr Kleid blutbeschmiert, ungesunde rote Schatten unter den Augen. "Alles ist verkehrt" stottert sie und reißt uns mit in eine alptraumhafte, grünlich leuchtende Welt, bevölkert mit schaurig-schrulligen Gestalten.

Im ausverkauften Dudweiler Statt-Theater hatte "Alice im Wunderland", frei nach Lewis Carroll, am Wochenende Premiere - eine Version für Erwachsene, vollgestopft mit komischen und düsteren Momenten. Irgendwie sehen diese morbiden Wesen alle krank aus, die Alice, super gespielt von Linda Walgenbach, beleidigen und beschimpfen. Mit Gesichtern geschminkt wie im Endstadium einer Drogensucht, machen sie sich an Alice heran und bringen die Reste ihrer Logik zum Einsturz. Andreas Blaesius als träge Opium rauchende Raupe, Susanne Kruse als boshafte Schwarze Königin und Sandra Klein als Herzogin und Herzkönigin mit Peitsche und dominanten Mordgelüsten: eine ausweglose Bedrohung? Doch „Alice“ ist auch zum Brüllen komisch. Wenn Dieter Meier als Hutmacher und Jochen Sauer als Märzhase zur rotierenden Tee-Zeremonie auf Styroporklötzen die nicht vorhandenen Tassen heben, bricht auf der Bühne die Hölle los.

Regisseur Dimitrij Senatorow knüpft an Carrolls Motive, seinen auf den Kopf gestellten Regelwust und seine irrwitzigen Sprachspiele, an. Er hat sie in seiner Bearbeitung gekonnt im Carroll'schen Nonsens-Stil fortgeschrieben. Und so brüllen sich Hutmacher und Märzhase in Pelzjäckchen und schwarzer Gesichtsmaske im Sadomaso-Stil auf's Schönste sprachirrwitzig an. Das weiße Kaninchen bläst grell die Trompete zum "Kopf-ab"-Geschrei der Herzkönigin, und Dideldei (Uwe Andersen) und Dideldum (Michael Dengel) wollen der zunehmend in Panik geratenden Alice gewaltsam an die Wäsche. Nachdem Senatorow vor zwei Monaten aus beruflichen Gründen aus dem Stück ausscheiden musste, hat das Statt-Theater-Team die Regie gemeinsam ge-stemmt und eine beeindruckende "Alice"-Version jenseits der kindlich harmlosen Traumwelt auf die Beine gestellt. Von der originell aus Mülltüten und Plastiksäcken geschneiderten Kleidung, dem steril unheimlichen Bühnenbild bis zum Text mit Fingerspitzengefühl: alles gelungen und toll gespielt. Immer hinfälliger sieht Alice aus, Blut rinnt aus Nase und Ohr. Entspringen Hutmacher und Grinsekatze nur ihrem kranken Hirn? Hat die brutale Erwachsenenwelt diese nicht mehr kindliche Alice so ausgesaugt und wachsbleich werden lassen?

Viel könnte man hineindeuten in Alice, eine verwirrte Schwester Schneewittchens, die niemand mehr wachküssen wird. Dafür gab's tosenden Applaus.

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Saarbrücker Zeitung, 27.04.2004

Vergewaltigt zu den Klängen Schuberts

"Der Tod und das Mädchen" - Premiere im Dudweiler Statt-Theater

Wenn der Chilenische Arzt im Auftrag der Militärjunta Frauen vergewaltigt, tut er das zu den Klängen Schuberts. Zumindest in dem Stück "Der Tod und das Mädchen". Welche Folgen das haben kann, zeigt das Statt-Theater Dudweiler der Premiere von Dorfmans Werk.

Dudweiler. Dient es der Gerechtigkeit, wenn das Opfer den Spieß umdreht und mit den Mitteln des Täters arbeitet? Heiligt der Zweck jedes Mittel? Und was ist ein Geständnis wert, wenn es erpresst worden ist? Am Samstag hatte im Dudweiler Statt-Theater "Der Tod und das Mädchen" Premiere.
Sein an authentischen Hintergründen ausgerichtetes textintensives Stück hat der chilenische Autor Ariel Dorfman nach Schuberts berühmtem Streichquartett benannt, weil es eine Schlüsselrolle spielt: Diese Musik hat ein Arzt (Berthold Blaesius) stets aufgelegt, wenn er im Auftrag der Militärjunta seine meist weiblichen Gefangenen folterte und vergewaltigte. Unter den Opfern war auch Paulina Salas (Tanja Malcharek), die jetzt, 15 Jahre später, per Zufall unvermutet Gelegenheit hat, Selbstjustiz zu üben. Sehr zum Entsetzen ihres Mannes Gerardo (Adrian Gassen), denn der ist Jurist und Mitglied einer Kommission, die Menschenrechts-Verletzungen unter der Pinochet-Diktatur aufklären soll. Außerdem scheint die Beweislage so dürftig, dass er nicht weiß, ob er seiner Frau überhaupt glauben kann.

Musik des Sadisten

Es entspinnt sich ein emotionsgeladenes Katz- und Mausspiel mit körperlicher Gewalt, drastischen Wortwechseln und aufreibenden Zweier-Konstellationen, bei dem Paulina Anklägerin und Richterin zugleich ist, Gerardo sich in die widersprüchliche Doppel-Rolle des Advokaten und Staatsanwalts zugleich gepresst sieht und der Zuschauer auf der Schöffenbank Platz nimmt.

Unter der sensiblen Regie Volker Meyers finden die drei Darsteller zu differenziertem Spiel. Viel Applaus gab's für den plausibel agierenden Adrian Gassen, wie er sich in ohnmächtiger Hilflosigkeit um Gerechtigkeit bemüht und versucht, seine Emotionen unter Kontrolle zu halten. Keinen leichten Job hat auch Berthold Blaesius, der die Integrität des alles leugnenden Robertos in einem fragwürdigen Licht erscheinen lassen muss - was ihm, von sprachlichen Schwächen abgesehen, auch gelingt.

Nuancierte Verletzlichkeit

Und Tanja Malcharek schließlich macht die psychische Ausnahmesituation Paulinas nuanciert erfahrbar: Sie ist eine verletzte Frau, die hier ganz unhysterisch alle ihr zugefügten Erniedrigungen heimzahlt. Ob ihr vermeintlicher Peiniger tatsächlich schuldig ist, bleibt offen - das ist vielleicht auch besser so. Denn auch die "reine Wahrheit" kann töten. kek

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Saarbrücker Zeitung, 22.04.02

Gabeln, Gummihühner und Pistolen

Dem Dudweiler Statt-Theater glückt mit seinem "Fliegenden Zirkus" eine rabenschwarze Revue besten britischen Unfugs

Dudweiler. Die Wimpern-Tusche, die diesem brachialen Angriff auf die Kicher-Tränen standhält, muss erst noch erfunden werden. Eigentlich könnte man vom Dudweiler Statt-Theater verlangen, dass es einen Visagisten bereitstellt, um die zerlachten Gesichter nach der Vorstellung wieder in Fasson zu bringen. Anlass der ästhetischen Sabotage? "Statt-Theater's Fliegender Zirkus", frei nach Monty Python. Premiere war am Freitag. Der neueste Coup der Truppe mit fester Spielstätte am Brennenden Berg hält, was der Vorgeschmack darauf im Vorprogramm zu "Comedy im Herbst" letzten Jahres verhieß: Diese Revue rabenschwarzen britischen Unfugs wird sich garantiert zum Dauerbrenner entwickeln. Der fliegende Zirkus nach Art des Hauses entpuppt sich als nahtlos verknüpfter Reigen des Nonsens, mit schwungvollen Übergängen von einem haarsträubenden Sketch zum nächsten, gespickt mit Wortspielen, Verwechslungen und unerwarteten Wendungen.

Die Witze-Polizei, Sonderkommission Überfallkommando der leichten Unterhaltung, ist im Dauereinsatz und verteilt Knöllchen wegen permanenter Verstöße gegen das "Sketche ohne anständige Pointe beenden"- und das "Nicht vor den Kindern!"-Gesetz. Freunde eines Humors feinsinniger Prägung seien allerdings gewarnt: Was die fünf Jungs, ein Mädel und eine Ziege (samt "Geißenpeter" Dieter Ewerling) hier in memoriam der Heiterkeits-Anarchos von Monty Python anrichten, ist nichts für zart Besaitete. Berthold Blaesius an der Mäuse-Orgel etwa, der seinen flauschigen Klangkörpern mit dem Hammer zu Leibe rückt, ist ein Fall für den Tierschutz, und auch sonst geht's robust zu. So mancher Konflikt wird blutrünstig gelöst - Gabeln, Gummihühner und Pistolen tun da wohlfeile Dienste, um unerwünschte Nebenbuhler auszuschalten. Oder um unwillige Rekruten zu disziplinieren, die im "Selbstverteidigungs-Kurs gegen frisches Obst" unter Feldwebel Volker Meyer keinen beerenstarken Einsatz zeigen. Etliche Klischees werden erst gepflegt und dann gegen den Strich gebürstet: Die schöne Krankenschwester-Nonne (Ina Deckert) hat es faustdick hinter der Keule, der raue Holzfäller trägt Tuntenfummel unterm Karohemd...

Ein glänzend aufgelegtes Ensemble, dem Regisseurin Sandra Klein in der Pause noch mal ordentlich Dampf gemacht zu haben scheint, gibt hier alles. Und erntet reichlich Szenenapplaus, vor allem der überragende Dieter Meier, der das Premieren-Publikum mit jedem grandiosen Auftritt zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Glänzend auch Markus Bramer und Gerhard Wagner, die beide in unterschiedlichsten Rollen enorme Wandlungsfähigkeit demonstrieren. Zum Abschluss gibt's ein als wissenschaftlichen Vortrag über Slapstick getarntes, schamloses Zugeständnis an die Schadenfreude: Törtchen landen auf Wangen und anderen edlen Körperteilen. Riesenapplaus. Kerstin Krämer

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Saarbrücker Zeitung 22.12.2003 

Bühnenkünstler vom Brennenden Berg


Dudweiler Statt-Theater verwandelt Stücke seit 15 Jahren mit Leidenschaft und Können in Unterhaltung mit Tiefgang

Ruth ROUSSELANGE

Geschichten ein Gesicht geben. Ideen, Ideale von der Bühne in die Herzen der Fans tragen. Wer das seit 15 Jahren kann, der darf feiern. Dudweilers Statt-Theater tat's. Stolz, deftig, pfiffig. Und voller Tatendrang
Dudweiler. Deftig gab's da was zu feiern im Dudweiler Statt-Theater: 15 Jahre enthusiastisches Amateurtheater, inbrünstiger Einsatz für die Kunst mit Angstschweiß, Lampenfieber und Euphorie. An die 30 Eigenproduktionen. Nach langer Suche schließlich eine eigene Spielstätte gefunden. Und zu dem gemacht, was sie ist. Das Haus am Brennenden Berg ist Sitz einer Truppe idealistischer Theaterfanatiker. Heute hat sich das gut gelaunte Team in den Festtagsfummel geschmissen und erst mal ein Gruppenfoto gemacht. Sonja Schuler, zuletzt zu sehen als poetischer Bär, trägt rosa Stola, der überwiegende Rest glänzt im festlichen Schwarz. Und dann kramen sie Highlights aus vergangenen, aber nicht vergessenen Tagen aus, Lieblingsstücke, Sketche und schaurige Moritaten. Scheint der Scheinwerfer oder nicht? Und wenn nicht, kann man da überhaupt was machen? Muss man ganze Straßen aufreißen? Dieter Meier im Blaukittel gibt Karl Valentins „Scheinwerfer“ den Rest. Verheddert sich im Metermaß, klemmt seinen Lehrbub (Karin Schmidt) in die Stehleiter und bedient sich einer sehr unflätigen Ausdrucksweise, aber das gar köstlich: „Du Hundskrippel, du mistiger, wo haste denn dei Saukopp?“


Loriot und Schauergeschichten
In Loriots Badewanne tummeln sich Frau Müller-Lüdenscheidt (Rita Malchareck) und Frau Dr. Klöbner (Karin Schmidt). Hinter hübschen Kacheln wird sehr trocken diskutiert über baden mit und ohne Wasser und Ente raus oder rein. Und die prächtigen Moritaten erst. Etwa die über das wonnige Geschwisterpaar Almut und Adele, dessen eine Hälfte durch den angebohrten Bürzel einer Gummiente ein vorzeitiges Ende nimmt. Oder die schröckliche Geschichte von Schleusenwärters blindem Töchterlein, wo's eine ganze Großfamilie, hier superkomisch gespielt mit Puppen, kunstvoll dahinrafft. Auch der Mackie Messer darf natürlich nicht fehlen. Und bei der Linie 1, 1995 ein großer Erfolg für die Leute vom Statt-Theater, gerät die begeisterte und begeisterungsfähige Truppe schier aus dem Häuschen. Da sitzt ein Großteil der Mannschaft auf der Bühne und singt vom Gegenüber, und im Publikum singt es mit. Das Urmeli muss auch her, das liebten und lieben hier noch immer alle. Frenetisches Gejuchze, hysterisches Gekreische: Urmeli, wo bist du? Nein, ohne Urmel macht's keinen Spaß. Auch die armen Mäuse werden wieder gequält. Wer ist schuld daran? Na, Monty Python's Flying Circus natürlich.


Theater mit Gut-drauf-Gefühl

Berthold Blaesius packt den Holzhammer und macht den kleinen Viechern an der Mäuseorgel brachial den Garaus. Und wie wir uns bei Obstangriffen verhalten müssen, das hat uns dieser höchst unterhaltsame Abend auch gelehrt.

Fehlen nur noch die Jungen Wilden, die gar nicht so heißen wollen. Ja, aber wer hat's denn erfunden? Die Schweizer etwa? Jung sind sie auf jeden Fall, und Theater machen sie ziemlich fetzig mit einem lockerem Gut-drauf-Gefühl. Da redet der Herr (Jochen Sauer) recht unorthodox mit Mephisto (Andreas Blaesius) beim Tee, derweil sich die Erzengel etwas merkwürdig benehmen. Sandra Klein und Linda Walgenbach liefern eine beeindruckende Version von „Summertime“, und zwei Damen aus'm Milieu (Walgenbach/Melanie Becker) besingen ziemlich scheinheilige Herren. Zum Abschluss gibt es ein glaubwürdig-schwärmerisches Bekenntnis aller Beteiligten zum Statt-Theater und seiner inzwischen recht großen Truppe.

Gern arbeiten sie zusammen, und Produktives kommt dabei raus. Viel hat sich getan seit der Gründung 1988, etliches wurde auf die Beine gestellt, und der Spaß dran schwappt rüber.

Darauf kann man mit Fug und Recht stolz sein. Ob Kuddel-Muddel, Crazy oder Novecento, die Statt-Theatler bringen's. Und das wird sich, auch dank der Jungen Wilden, in Zukunft nicht ändern. Aber jetzt wird erstmal der Geburtstagssekt geleert bis zur Neige. Ruth ROUSSELANGE

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